Monthly:August 2017

Das richtige Tempo beim Reiten

Schneller, fleißiger, aber nicht eilig, aktiv und tätig, langsamer, gesetzter, ruhiger …?!?


Zwischendurch mal richtig Gas geben, pustet die Lungen einmal richtig durch …

 

Schneller, fleißiger, aber nicht eilig, aktiv und tätig, langsamer, gesetzter, ruhiger …?!?

Das richtige Tempo zu finden und zu reiten, scheint ein richtiges Problem!

Man kommt viel in der Welt herum und überall scheint es – wie in fast allen Bereichen des Reitsportes – grundlegend unterschiedliche Meinungen über das grundlegend richtige Tempo beim Reiten zu geben. Oftmals wundert man sich, wie der ein oder andere zu seinen Erkenntnissen gekommen ist.

 

Das als Hintergrund….

Vor ein paar Wochen war ich zum Unterricht in einem Reitbetrieb und parallel fand Unterricht mit einer dreijährigen Remonte statt. Das Pferd schlich quasi durch das Viereck und die Reitlehrerin rief ständig laut über den Platz: „Ruhiger, ruhiger, Du bist viel zu schnell. Jetzt nimm doch mal den Zügel kürzer!!“
Irgendwann schlich das arme Tier zusammengezogen, schon fast rückwärts über den Platz und die Ausbilderin quittierte das mit einem zufriedenen: „So ist das jetzt endlich richtig. Jetzt ist er losgelassen, kann Last aufnehmen und sich setzen!“
„Aha“, habe ich mir gedacht … „Last aufnehmen, 3-jähriges Pferd setzen … losgelassen???“

Die Dame, die mich um Hilfe gebeten hatte, besitzt ein Pferd mit nicht unerheblichen Rückenproblemen, wenig bemuskelt, sehr dünn. Sie erklärte, ihr Pferd sei lustlos, hätte keine Bewegungsfreude, wäre immer wahnsinnig triebig und würde sich entweder hinter dem Zügel verkriechen oder ginge gegen die Hand.
Sie begann zu reiten und ritt in einem extrem langsamen Tempo ihr vollkommen verspanntes, fünf-jähriges Pferd. Ich versuchte ihr im Laufe der Unterrichtsstunde zu vermitteln, dass sie ihr Pferd fleißiger vorwärts reiten müsste, wenn es mit dem Hinterbein irgendwann wieder durchtreten, das Gebiss annehmen und den Rücken hergeben sollte. Dazu müsste der Zügel sicherlich auch 20-30cm länger gelassen werden, damit das Pferd überhaupt die Möglichkeit haben könnte, erst einmal den Hals fallen zu lassen, denn das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass es den Rücken hergeben kann…

Nachdem ich die Dame – in ihren Augen eine Stunde – über den Platz gescheucht hatte, meinte sie, ihr Pferd wäre noch nie so eilig gewesen.
Richtigerweise bewegte sich das Pferd zum Ende der Stunde in einem fleißigen Arbeitstrab, ließ den Hals phasenweise fallen und schnaubte hin und wieder zufrieden ab. Es hatte sich vermutlich seit Jahren an dem Tag das erste Mal phasenweise loslassen können. Als sie abstieg, streichelte sie ihn erschöpft über die Hinterhand und war vollkommen verwundert, dass da alles so locker war…

Zwei Tage später besuchten wir ein ländliches Turnier und sahen uns ein paar Reiter an, die eine L-Dressur ritten. Die Prüfung dauerte laut Aufgabenheft 3,5 Minuten. Die Reiterin war jedoch schon nach knapp 2,5 Minuten fertig. Es war schon eine ausgesprochen „flotte Angelegenheit“.
Der Richter bezeichnete das Pferd als ausgesprochen fleißig …
Mit der Aussage des Richters, der das vollkommen übereilte Pferd sicherlich nett umschreiben wollte, tat er der Reiterin sicherlich keinen Gefallen. Wenn sie durch die nächste Prüfung „stürzt“, wird sie mit viel Pech noch einen Zahn zulegen und die Prüfung dann unter zwei Minuten schaffen. Das Pferd wird irgendwann dauerhaft so verkrampft sein, dass das zu gesundheitlichen Schäden führt und keiner wird verstehen, warum… es war doch immer so fleißig…

 

Wie kommt es zu so grundlegend unterschiedlichen Auffassungen über das richtige Tempo?

Die Nase hinter der Senkrechten, entsprechend Druck vom Bein und das Pferd zieht aus der Vorhand und schiebt nicht mehr aus der Hinterhand, was hier mehr als deutlich zu erkennen ist.

 

Das korrekte Tempo reiten zu können, heißt zu fühlen und erkennen zu können, wann der Rücken zum Schwingen kommt, wann sich das Pferd loslässt, den Rücken hergibt und zufrieden mit pendelndem Schweif abschnaubt. Das zu ergründen fällt vielen Reitern nicht ganz leicht, da in der Mitte nicht selten einer steht, dass das auch nicht (mehr) richtig einzuschätzen weiß. Wenn der Ausbilder einem nicht auf die Momente hinweist, wenn es richtig ist, wird sich das Gefühl über richtig und falsch nicht einstellen.

Da die Pferde heute größtenteils sehr schwungvolle Bewegungen haben, fällt es vielen Ausbildern offensichtlich auch schwer, schwungvoll von exaltiert und fleißig von eilig oder auch versammelt von schleppend zu unterscheiden.

Solange Pferde unbelastet auf der Weide traben, werden sie mit den Hinterbeinen je nach Veranlagung entweder schlaff oder leicht federnd über den Boden treten, jedoch werden sie wenig aus der Hinterhand schieben, denn dazu gibt es keine Anlass. Beim Reiten ist es anders. Da lernt das Pferd – oder sollte es zu Beginn seiner Ausbildung lernen – das Hinterbein aktiv zu benutzen. Dazu muss man es fleißig vorwärts reiten. Dabei gibt es zwischen fleißig und eilig einen immensen Unterschied:
Ist das Tempo zu hoch, wird das Pferd eilig, kommt ans Laufen, der Rücken nicht zum Schwingen und das Pferd trotz allen Tempos auf die Vorhand. Es wird das Gebiss nicht annehmen und sich davon auch nicht abstoßen, denn auch das ist ab einem gewissen Grad an eiligem Tempo nicht mehr möglich.

Die richtige Kombination aus Vorwärts an die Hand herantreiben, damit das Pferd das Gebiss annehmen kann, die Anlehnung sucht, korrektes Zügelmaß und Halben Paraden, die unter anderem auch der Genickkontrolle, Hinterhandkontrolle und  Tempokontrolle dienen, machen aus einem eiligen Pferd ein Pferd, das aktiv abfußt und mit tätiger Hinterhand schwungvoll vorwärts geht.

Das Hauptproblem vieler Reiter ist, dass sie nicht fühlen gelernt haben, wann der Rücken des Pferdes zum Schwingen kommt und vom Pferd hergeben wird.
Denn, wenn man noch nie auf einem losgelassenen Pferd gesessen hat und noch nicht gefühlt hat, wie es ist, wenn das Pferd in seiner geballten Kraft der Losgelassenheit und Durchlässigkeit auf kleinste und feinste Hilfen reagiert, ist es auch nicht einfach.

Es ist in mancher Hinsicht, wie einem Blinden Farben zu erklären.

 

Der Weg zum richtigen Tempo!

Bei einer richtigen Ausbildung entwickelt man im ersten Schritt die Schubkraft und die kommt aus dem fleißigen Vorwärtsreiten, bei dem das Pferd lernt, kräftig vom Boden abzufußen. Das heißt, der Reiter veranlasst das Hinterbein des Pferdes durch Treiben in Verbindung mit Halben Paraden zu aktivem Abfußen und Durchtreten. Dadurch wird die Hinterhand tätig. Das ist das erste, was ein dreijähriges Pferd lernen sollte, wenn man es denn überhaupt schon reiten sollte…. Das macht man dann sicherlich über ein bis zwei Jahre. Aufnehmen oder versammeln oder auch „ruhiger Reiten“ muss man in dieser Ausbildungsphase noch gar nichts!

Der Schwung entsteht durch den kraftvollen Schub aus der Hinterhand und der im weiteren Verlauf einer guten Ausbildung entwickelten Biegsamkeit der Hinterhandgelenke. Der Schwung entsteht durch das federnde Abstoßen der Hinterbeine vom Boden. Wenn man es richtig macht, wird aus einem Pferd mit einem – wie man es so schön sagt – normalen Trab mit der Zeit ein schwungvoller und ausdrucksvoller Trab.
Nicht jedes Pferd bringt schwungvolle Bewegungen von Natur aus mit, aber jedes Pferd kann das bis zu einem gewissen Grad erlernen, wenn es dazu die notwendige Kraft aufbauen konnte und unter anderem in der Rippenpartie entsprechend geschmeidig ist.
Um den Trab zu verbessern und schwungvoller zu machen bietet es sich dann auch an, die Rippengeschmeidigkeit zu verbessern, am Geraderichten kontinuierlich zu arbeiten, häufige Übergänge und Tempounterschiede einzubauen und immer wieder im fleißigen Galopp und Trab vorwärts zu reiten … fleißig, aber eben nicht eilig ….

In jeder Reitstunde zwei- bis dreimal ein bis zwei lange Seiten Tritte verlängern zu reiten hilft, das Pferd dazu zu veranlassen, das Gebiss anzunehmen. Das geht aber nur, wenn das Pferd die halben Paraden annimmt, die alle zwei bis drei Tritte oder Sprünge am äußeren Zügel gegeben werden und mit einem gefühlvollen Nachgeben der inneren Hand enden. Nachgeben heißt, dass es sich dabei um ein bis zwei Zentimeter handelt und nicht darum, den Zügel 20-30 cm hektisch nach vorne zu werfen und dann in der gleichen Geschwindigkeit wieder nach Hinten zu ziehen. Das tut dem Pferd im Maul weh, die Anlehnung geht verloren und das Pferd wird unsicher, entwickelt schnell Angst vor der unruhigen Reiterhand.

Bevor das Pferd den Ausbildungsstand der Klasse L oder wie man es früher nannte die Campagneschule erreicht hat, sollte man Arbeitsstrab, Arbeitsgalopp, Tritte und Sprünge verlängern bis hin zu Mitteltrab und Mittelgalopp reiten. Das Wort Versammlung kann man in der Zeit aus dem Wortschatz streichen.

 

Woran erkennt/fühlt man das richtige Tempo?

Man kann sagen: Wenn sich das Pferd loslässt, ist das Tempo immer richtig. Loslassen kann sich nur ein innerlich und äußerlich entspanntes Pferd, bei dem alle Muskeln richtig an- und abspannen. Wenn der Rücken zum Schwingen kommt, das Pferd aktiv abfußt und fleißig vorwärts an die Hand das Gebiss annimmt. Losgelassene Pferde haben einen ruhig pendelnden Schweif. Sie schnauben immer wieder entspannt ab.

Somit kommt man auch beim richtigen Tempo einmal wieder auf die Losgelassenheit. Sie steht auch hier wieder im Mittelpunkt aller Betrachtungen.

Der schwingende und hergegebene Rücken ist ein untrügliches Zeichen für Losgelassenheit und für das richtige Tempo in den Grundgangarten, in Verstärkungen, in der Versammlung und bei allen Lektionen.

Nur ein elastisch schwingender Rücken kann eine elastisch- freie und schwungvolle Gangmechanik zur Folge haben.

Man kann das richtige Tempo auch an der Fußfolge des Pferdes erkennen. Wenn zum Beispiel in den Trabverstärkungen die Hinterbeine – wie man es nicht selten sieht – sich schleppend bewegen und die Vorderbeine exaltiert nach oben geworfen werden, dann ist das Pferd übereilt, verspannt sich, zieht mehr aus der Vorhand, als dass es aus der Hinterhand schieben könnte.

 

Übungen und Lektionen für das richtige Tempo, die zu Losgelassenheit – und zum richtigen Tempo – führen

Am Anfang steht auch hier natürlich vor allem anderen das Zügel aus der Hand kauen lassen in den drei Grundgangarten, phasenweise Herauskauen bis zur Schnalle und am Ende der Reitstunde eine belohnendes Zügel aus der Hand kauen lassen im Halten.

Große gebogene Linien, häufige Handwechsel, die große und die kleine Acht, häufige Übergänge und Tempounterschiede (in Maßen) und natürlich vor allem im Gelände viel Galoppieren im leichten Sitz und auch da immer wieder Zügel aus der Hand kauen lassen.

In der weiteren Ausbildung – und nicht eher! – kommen dann versammelnde Lektionen hinzu, aber auch diese dann mit einer ausreichend tätigen und aktiven Hinterhand.

 

Wenn die Pferde dann das Gebiss annehmen, den Rücken hergeben, der Rücken als Bewegungszentrum zum Schwingen kommt, dann lassen sie sich los und sind zufrieden bei und mit „dem richtigen Tempo“

Bamboo – die Geschichte eines Pferdes



Als ich vor Jahren einmal mit Herrn Stecken zusammensaß und wir mein im Entwurf schon fertiges Buch über ‚die Losgelassenheit des Pferdes‘ besprachen, sagte er zu mir: „Das wichtigste und die Basis für alles Weitere ist, dass schon junge Pferde lernen, den Hals fallen zu lassen. Darüber lernen sie, den Rücken herzugeben. Wenn sie das gelernt haben, fällt ihnen das Zügel aus der Hand kauen leicht und vieles geht bedeutend besser, einfacher und vor allem so, dass die Pferde keinen gesundheitlichen Schaden nehmen.
Wenn sie das jedoch nicht lernen oder erst sehr viel später erlernen müssen, dann ist in der Ausbildung schon vieles in die falsche Richtung gegangen und es wird alles sehr viel schwerer, auch da sich die Muskeln schon falsch gebildet haben… Sie sollten diesen Punkt immer im Kopf behalten.“

Losgelassenheit ist ein faszinierendes Thema und das war auch der Grund, warum das Buch entstand. Diesen Punkt hatte ich aber nicht berücksichtigt, da ich zu der Zeit noch dachte, dass Hals-fallen-lassen mit Zügel aus der Hand kauen lassen gleichzusetzen sind. Erst im Laufe dieses Gespräches begriff ich, dass das eine die Grundlage für das andere ist: Zuerst kommt das Hals fallen lassen und daraus entsteht aus der inneren und äußeren Losgelassenheit das Zügel aus der Hand kauen lassen. Dabei nehmen die Pferde das Gebiss an, stoßen sich davon ab und dehnen sich an das Gebiss anlehnend bei schwingendem Rücken und aktiv abfußendem Hinterbein vorwärts abwärts in die Tiefe. Dabei wird dann der Rücken gehoben und die oberen Bandstrukturen richten die Dornfortsätze auf und alle Muskeln arbeiten unverspannt und es kommt zu keinerlei Fehlbelastungen.
Das hört sich einfach an. Ist es auch, wenn die Pferde es vom ersten Tag ihrer Ausbildung an richtig lernen.

Es ist es aber nicht, wenn bei Pferden wie beispielsweise Bamboo in der Ausbildung erst einmal alles grundsätzlich falsch gelaufen ist. Man viel zu früh bei einem vollkommen unsausbalancierten, großen und wie Bamboo bewegungsstarken Pferd nicht die Grundlagen geschaffen hat, sondern direkt zu Lektionen und Versammlung übergegangen ist, ohne daran zu denken, dass das Pferd weder die notwendige Elastizität noch überhaupt irgendeine Muskulatur und damit die Kraft hat, so schwere Aufgaben zu lösen und zu leisten.

Dann stehen dem Hals fallen lassen, dem Zügel aus der Hand kauen lassen und dem Rücken hergeben nämlich alleine schon die vollkommen falsch entwickelten Muskeln im Wege – und zwar ziemlich. An den notwendigen Stellen sind die Muskeln nicht entwickelt, verkürzt, verklebt und verhärtet und da wo sie keiner braucht, haben sie sich gebildet. Leider auch so, dass die Muskeln einer geschmeidigen Bewegung im Wege stehen.
Bei solchen Pferden sieht man dann spektakuläre Bewegungen mit weit nach oben geführten / gerissenen Vorderbeinen und Hinterbeinen, die nur hinterher schleppen. So wie es Oberst Niemack seinerzeit so passend formulierte: „Vorne wird getrommelt und hinten kommen keine Soldaten.“

Bei diesen Pferden geht es dann darum, falsche Muskeln abzubauen, Kompensationsmuster aufzulösen und Muskeln an den richtigen Stellen aufzubauen. Erschwerend ist, dass man Muster, die das Pferd auch mental verinnerlicht hat, verändern muss. Angst vor Druck, Angst vor Strafen, Angst vor Überforderung. Das kann wie bei Bamboo unter anderem dann auch bedeuten, dass man aus einem Pferd, das die Freude an der Bewegung verloren hat, faul erscheint und triebig geworden ist, wieder ein Pferd machen muss, dass Freude an Bewegung unter dem Reiter hat.

Nicht selten ein langer und für alle Beteiligten mühsamer Weg….

Vor allem für den Reiter ist das körperlich unwahrscheinlich anstrengend. Diese Pferde gehen nicht fleißig vorwärts. Sie drücken in den Zügel, schieben den Hals Macht nach vorne, lassen sich schlecht stellen, von korrektem Biegen muss man gar nicht sprechen. Jede Seitwärts- Verschiebung ist ein eiliges auf die Schulter-Werfen, um nur nicht die Hinterhandgelenke beugen zu müssen. Für einen Reiter zum Verzweifeln. Man schnauft und pfeift aus dem letzten Loch. Reiten ist alles andere als ein Vergnügen und man überlegt jeden Tag aufs Neue, ob man heute nicht vielleicht longiert statt zu reiten oder besser noch einen Tag Pause einlegen soll….

Nicht selten muss man mit einer Gerte immer wieder zum fleißigen Vorwärtsgehen auffordern. Würde man das mit pausenlosem Treiben und Klopfen mit dem Unterschenkel erreichen wollen, würden diese Pferde am Bein immer stumpfer und der Weg zum Fleiß würde immer mühsamer. Diese Triebigkeit bringt noch ein weiteres Problem mit sich: Die Pferde ziehen immer mehr aus der Vorhand und schieben immer weniger aus der Hinterhand. Das hat leider auch gesundheitliche Konsequenzen: Verspannungen, Rückenprobleme, Fesselträger- und Sehnenschäden sind vielfach das Resultat.

 

Bamboo: Die Lösung des Problems ist ein Kraftakt für Reiter und Pferd

Bamboo beim ersten Longieren. Man sieht deutlich, dass er den Hals noch nicht reell fallen lassen kann.

 

Das Pferd muss als erstes wieder lernen, den Hals zu lassen. Dazu muss es fleißig vorwärts gehen. Wenn ich weiß, dass das Pferd diese Probleme hat, helfe ich mir über ein Ablongieren, ausgebunden mit Dreieckszügeln. Darüber kann man mit einer ausreichend langen Peitsche das fleißige Vorwärts-gehen und Durchtreten der Hinterbeine erreichen. Die Peitsche mit dem langen Schlag dient nicht dazu, das Pferd zu schlagen, sondern im Notfall dazu, das Hinterbein zu erreichen. Hat man eine kurze Peitsche, rennt man pausenlos ziemlich erfolglos hinter seinem Pferd her, braucht danach selbst ein Sauerstoffzelt und das Pferd hat kein nasses Haar. Kein Erfolgskonzept…

Die Größe des angelegten Zirkels ist ebenfalls wichtig. Ist der Zirkel zu klein, die Wendung zu eng, weichen die Pferde mit der Hinterhand nach außen aus, drängen über die Schulter weg und man zieht nur den Kopf nach innen. Damit erreicht man nur, dass sie sich noch mehr verspannen. Ist der Zirkel zu groß, vermeiden sie es, das innere Hinterbein und die innere Hüfte beugen.

Geht ein Pferd nicht mehr vorwärts, geht es weder um Lektionen noch um Versammlung. In dieser Phase muss das Pferd lernen mit dem Hinterbein wieder durchzutreten, den Hals an die Senkrechte vorzunehmen und das Gebiss bei ausreichend langem Zügel anzunehmen.

 

… und bei Bamboo?

Die Ausgangssituation von Bamboo:
Als Bamboo kam, haben wir nacheinander viele Dinge lösen müssen: Die Muskulatur war fest massiv verspannt und verklebt, er war in einem schlechten Futterzustand, durch falschen Beschlag entstandene Stellungsfehler, die Hufe zu klein, fehlerhafte Zehenachse, massive Hacken und Zahnprobleme, Beckenschiefstand, Rückenprobleme, Beweglichkeit von Schulter und Widerrist massiv eingeschränkt, Genick fest und schmerzhaft, Sehnen der Hinterbeine massiv unter Spannung, am linken Auge massiver Sehverlust durch eine alte Hornhautverletzung, die nicht behandelt wurde. Überbein am linken Hinterbein genau in Höhe der Sehne, instabiles Knie durch instabile Kniebänder.

Was getan werden musste:
Blutbild, Kotprobe, Zahnbehandlung, regelmäßige osteopathische Behandlungen, fast tägliche Dehnübungen und Massage, speziell auf ihn abgestimmte Fütterung, Entgiftung. Der Rücken wurde geröntgt, Überbein und Knie ebenso.
Abbau massiver Fehlbemuskelung, Behandlung des Auges zur Verbesserung des Sehvermögens, Abbau negativer Verhaltensmuster, Aufbau von Vertrauen, eigener /neuer Sattel (los-gelassen-Dressursattel), Trense, die Druck im Genick vermeidet mit extra langen Zügeln und passendem Gebiss.

 

Beim dritten Mal Reiten offenbarte sich bei Bamboo ein Problem, was sich in den ersten Tagen beim Longieren auch schon gezeigt hatte, dem ich aber keine große Bedeutung beigemessen habe. Er blockierte, lief rückwärts ohne sich anhalten zu lassen und begann dann, wenn ich ihn vorwärts treiben wollte, mir den Zügel blitzartig aus der Hand zu reißen und … zu steigen. Ich saß oben drauf und habe gedacht: Diesen Mist brauche ich jetzt auch noch … Was hätte ich anders machen müssen? Ist der richtig über die Uhr gedreht?
Tue ich mir das noch an….?

Da Bamboo auf dem linken Auge durch eine alte nicht behandelte Hornhautverletzung nicht gut sehen kann, habe ich überlegt, dass er sich vielleicht erschrocken hat und aus diesem Grund eine bestimmte Stelle nicht passieren wollte. Zumal es an dem Tag sehr windig war. So bin ich abgestiegen und habe ihn zu der Stelle geführt. Als wäre nichts, ist er brav neben mir her getrottet. Ich habe mich wieder drauf gesetzt und wollte dorthin reiten. Das gleiche Spiel wie zuvor. Ich konnte allerdings das Steigen durch Abwenden des Hals noch verhindern. An seiner Reaktion war jedoch zu erkennen, dass er DAS nicht zum ersten Mal macht… Er war schnell im Entziehen, Ausweichen und im Aufbau von massivem Gegendruck, um dann doch noch steigen zu können.
Ich saß auf dem Pferd, die Zügel auf dem Hals liegend und war wirklich am Überlegen, das Ganze in dem Moment zu beenden und ihn in Rente zu schicken.

Die Alternative war nicht ohne Risiko: Mich einmal mit ihm anlegen und hoffen, dass ich die Auseinandersetzung für mich gewinnen kann?! Da ich aus einem bestimmten Grund weder unsicher war noch Angst hatte, habe ich entschieden, dass das wohl einen Grund hat und wir jetzt da durch müssen. So habe ich es darauf ankommen lassen, um das mit einer gezielten‘ Meinungsverstärkung‘ auf das Hinterteil zu regeln. Dann im richtigen Moment die Hand vorzugeben, um ihm den Weg nach vorne zu ermöglichen. Glücklicherweise ließ sich die Angelegenheit so mit einem riesigen Satz nach vorne entschieden. Vermutlich hatte er damit nicht gerechnet. In solchen Situationen das Richtige zu tun ist nicht einfach. Es kann jede Entscheidung richtig sein oder auch falsch. Man muss das ganz genau abwägen und wissen, was man selbst wegstecken kann, denn ein Fehler kann zu einer Eskalation führen….
Manch einer wird jetzt denken: Ist das der richtige Weg?
Das Problem ist, dass man eine solche Situation in dem Moment und an dem Tag auflösen muss, da es sonst sein kann, dass man für immer verliert.
Bamboo ist kein Charakterschwein. Er ist hoch sensibel, eine Seele von Pferd und hat in der Vergangenheit aus Angst und Schmerz vermutlich irgendwann abgeschaltet und gelernt, sich über massiven Widerstand zu schützen. Er wird verinnerlicht haben, dass er ab einem gewissen Grad der Widersetzlichkeit nicht mehr misshandelt wird. Es ist kein böswilliger Vorsatz, aber trotz allem auch ein Rangordnungsproblem, was an dem Tag besprochen werden muss, an dem es auftritt. Findet man keine Lösung, kann es langfristig gefährlich werden.

Nachdem das geklärt war, ging es darum, ihm beim geringsten Entgegenkommen seinerseits sofort ganz viel zu loben, mit ihm zu sprechen, zu klopfen, zu streicheln. So gibt man Vertrauen und das Pferd lernt, dass Steigen nicht richtig ist.
Dann gilt es richtig vorwärts zu reiten. Hat man einen Steiger einmal so weit, dass er vorwärts geht, kann er erst einmal nicht mehr Steigen. Dazu muss er nämlich die Hinterhandgelenke beugen und dem Reiter den Zügel ein Stück aus der Hand ziehen, den Hals heben und den Rücken anspannen können.
Da ich nicht weiß, was in der Vergangenheit vorgefallen ist, kann ich anhand der Muskulatur und seinem Verhalten nur schließen, dass man sicherlich nicht besonders zimperlich mit ihm umgegangen ist. Ob man erreichen wollte, dass er als 6-/7-jähriger schon piaffiert oder ob man die Trabverstärkung mit nach oben gerissen Vorderbeinen à la Totilas noch spektakulärer werden lassen wollte – wer weiß?!

Der weitere Weg für Bamboo…

Um für das weitere Reiten Auseinandersetzungen dieser Art zu vermeiden, habe ich mich dann entschieden, ihn vor jedem Reiten ausgebunden mit Dreieckszügeln zu longieren. So sind mögliche Verspannungen gelöst, die allein durch das Auflegen des Sattels und den damit verbundenen Ängsten und Widerständen entstehen können.

Beim vierten Reiten war es etwas einfacher. Zwar noch sehr triebig und der Schritt eher ein Schleichen als ein fleißiges und geregeltes Schreiten, aber immerhin ohne weitere ‚Ausfälle‘. Getrabt und galoppiert bin ich nur im leichten Sitz. Dabei habe ich ihn immer wieder mit der Gerte angetippt, um das Hinterbein zum Durchtreten zu aktivieren und ganz viel geklopft sowie er auf meine Unterstützung reagiert hat. Ein solches Reiten kannte er vermutlich nicht und so ließ sich ein Muster aus Druck und Zwang für den Tag unterbrechen. Nach einigen Runden ließ er dann den Hals fallen und schnaubte zufrieden ab und ich war mit meiner Kraft am Ende. Das war der richtige Moment, um aufzuhören.

 

Irgendwie hatte ich mir das alles etwas einfacher und weniger anstrengend vorgestellt. Da man aber bekanntlich mit seinen Aufgaben wächst – auch wenn man in meinem Alter eher wieder schrumpft – ziehen wir das jetzt durch und sind gespannt auf den Moment, wo neben dem Rückwärtsgang auch der Vorwärtsgang wieder funktioniert… Dann ist vermutlich nur noch Schweben schöner ….