Junge Pferde….

Junge Pferde heute …..

Lässt man sich Zeit, führt das am schnellsten zum Ziel!

Junges Pferd wenige Wochen unter dem Reiter

 

„Kein Pädagoge käme auf die Idee, einem Jugendlichen zuzumuten, die Grundschule zu überspringen, um so vom Kindergarten direkt in die Ausbildung der Oberschule überzuleiten. Bei der Ausbildung junger Pferde wird man heutzutage leider immer häufiger mit solchem Unverstand konfrontiert, der dann womöglich noch mit der unverantwortlichen These einiger ausgefallener EXPERTEN begründet wird, es sei verlorene Zeit, das junge Pferd erst einmal in Dehnungshaltung in die Tiefe zu reiten, wenn die späteren Dressurziele doch ohnehin eindeutig die Aufrichtung und ein möglichst hoher Versammlungsgrad wären, …..“

Hans Freiherr von Stackelberg,
„Reiten, Ausbilden, Richten“, 1983

 

Man könnte glauben, der heute über 90ig-jährige Freiherr von Stackelberg wäre gestern in einem der vielen Reitbetriebe gewesen, die sich auf die Ausbildung junger Pferde spezialisiert hat. Wenn man sich diese Ausbildung anschaut, muss man sich wundern, wie viel von jungen Pferden schon erwartet wird.

Ist es Ehrgeiz, Ungeduld, Geltungsbedürfnis oder der Wunsch, baldmöglichst zu sichtbaren Erfolgen zu gelangen, der immer mehr Reiter und Ausbilder dazu verleitet, immer früher immer mehr zu verlangen?
Oder ist es am Ende die Zucht, die mit den heute so sensiblen und immer leistungsbereit erscheinenden Pferden diesen Weg zu reiterlichem Unsinn ebnet?

Oder ist der Markt, der immer gigantischere Summen für Ausnahmepferde zur Verfügung hat, die à la Totilas die Vorderbeine in den Himmel reißen, während – offensichtlich unwichtig – die Hinterbeine nicht mehr aus dem Sand kommen?

Hofft jeder auf einen Millionenumsatz oder auf schallenden Applaus für seine ausbildungstechnischen Fähigkeiten?

Man weiß es nicht!

Aber was aus den vielen jungen Pferden wird, die durch die Überforderung verritten, dadurch undurchlässig oder völlig verspannt und nicht selten bösartig werden …  abschließend von einer Hand zur nächsten wandern, da ihre meist überforderten Reiter nicht mehr Herr der Lage sind!

Darüber denken in diesem Geschäft immer noch zu wenige nach!

 


Ein heute gängiges Bild eines offensichtlich überforderten jungen Pferdes. Bundeschampionat Warendorf

 

Der heutzutage fast überall vorherrschende Erfolgszwang ist sicherlich ein Grund, dass diese falschen Wege eingeschlagen wurden und immer noch werden.

Wie oft hört man Kaufinteressierte am Telefon für einen Dreijährigen fragen, wie denn die Veranlagung für Pi (Piaffe) und Pa (Passage) aussieht, bevor sie sich ins Auto schwingen und das junge Pferde stundenlang Probereiten.

Ein junges Pferd – das realistisch betrachtet – noch nicht einmal geradeaus laufen kann, im Wachstum ist, noch deutlich überbaut, vielleicht wachstumsbedingte (Knochen-)Schmerzen hat, Zahnschmerzen durch den in dem Alter anstehenden Zahnwechsel und noch überhaupt nicht ausreichend bemuskelt ist, um einen Reiter über einen längeren Zeitraum zu tragen.

Sicherlich wäre es für viele junge Pferde besser, wenn man sie erst mit vier oder vielleicht sogar fünf Jahren einreiten würde. Das würde die Anzahl der frühzeitig verschlissenen Pferde sicherlich drastisch reduzieren. Nur … das will wohl irgendwie keiner! Denn das kostet Geld.

Ein Pferd mit vier oder besser noch mit fünf Jahren hat nicht nur die körperliche Reife, sondern auch die geistigen Fähigkeiten, reiterliche Anforderungen auch mental zu verarbeiten, ohne dadurch psychisch frühzeitig überfordert zu werden. Aber auch bei einem vier- oder fünfjährigen Pferd sollte oder besser noch muss man sich Zeit lassen, wenn es bis in ein hohes Alter gesund bleiben soll.

Fehler, die in der Ausbildung junger Pferde gemacht werden, sei es aus Unverstand oder Ungeduld, die hängen dem Pferd über viele Jahre, vielleicht sogar ein Leben lang nach. Das Erinnerungsvermögen eines Pferdes ist sehr stark ausgeprägt und registriert richtiges und falsches Verhalten nachhaltig. Vertrauen ist die Grundlage der Zusammenarbeit mit dem Pferd und diese basiert in allererster Linie auf Geduld und fairem Umgang. Fair heißt in dem Zusammenhang auch: Nur das einfordern, was das Pferd leisten und mental verarbeiten kann. Körperlich und mental.

Das Pferd ist auf der einen Seite ein Fluchttier und nicht nur furchtsam, sondern auch sehr sensibel. Es ist schnell verängstigt bei Dingen, die es überfordert. Auf der anderen Seite ist es von Natur aus sehr geduldig und immer bereit, alles zu tun, was im Rahmen seiner Fähigkeiten möglich ist und was wir von ihm verlangen.
Genau diese Gutmütigkeit auf der einen und die Furchtsamkeit auf der anderen Seite sind die Hauptursachen für die vielen Misserfolge, die Ausbilder erleiden, wenn sie zu früh und zu viel von jungen Pferden verlangen. Ein Pferd braucht Zeit, sich an neues zu gewöhnen, neues zu lernen und noch mehr Zeit mit dem eigenen Körper und seiner ständigen Veränderung des Wachstums überhaupt erst einmal zurecht zu kommen.

 

Eigentlich sollte es nicht um „Spektakulär“ gehen…

„ …. so bringt das unverdorbene junge Pferd seine Gänge vielleicht nicht ergiebig, auch nicht besonders schwunghaft, aber doch sauber im Rhythmus von der Natur mit, und erst die Einwirkung der Zügel, die Entwicklung von Tritten vor der Festigung der Selbsthaltung ergeben diese unglücklichen Tiere, denen man sogar die natürlichen Bewegungen ab-dressiert hat.“

„Ergiebigkeit des Trittes ist gut, solange es kein schwebendes Geschaukel wird, und die Trittgeschwindigkeit ist auch gut, solange es kein unruhiges Getrappel wird.“

  1. Freyer, Polizei Major.
    Aus „Neues Reiten“ von 1929

… und doch werden junge Pferd anhand ihres spektakulären Trabes und ihres immensen Sprungvermögens gemessen. Dinge, die sie in diesem Alter noch gar nicht tun sollten. Wenn sich mit den Wegen des Anreitens zu Zeiten der H.Dv.12/1937 befasst, dann werden einem die eklatanten Unterschiede deutlich bewusst.

Allein beim Anreiten ließ man sich 3-4 Wochen Zeit, bis das Pferd das erste Mal unter dem Reiter galoppieren musste und selbst dann wartete man, bis es das von selbst anbot.

Kaum einer macht sich darüber Gedanken, wie schwer einem jungen Pferd „die enge Wendung“ eines 20-Meter-Zirkels fällt. Vor allem dann, wenn es mit dem heute so üblichen aufwendigen Bewegungsablauf ausgestattet ist.

Noch vor nicht ganz 100 Jahren wurden die ersten zwei Jahre „mit zwanglosem bergauf und bergabreiten im natürlichen Tempo“, mit großen gebogenen Linie und Übergängen verbracht. Mit Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle, mit dem Annehmen und dem Abstoßen vom Gebiss und mit dem halten aus dem Schritt, einfachen Übungen und Lektionen zur Verbesserung der Rippengeschmeidigkeit verbracht. Und heute: Wird schon mal an den fliegenden Wechseln, an der Verbesserung des Außengalopps bei 4-jährigen Pferde und den ersten Traversalen geübt.

Ist das wohl alles richtig?
Mit den überlieferten Grundsätzen der Ausbildung hat das leider nichts zu tun. So entwickeln wir zwar spektakuläre Strampler, aber die bleiben ja bekanntlicherweise alle nicht allzu lange gesund.

 

 

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