Tag:Jungpferdeausbildung

Junge Pferde….

Junge Pferde heute …..

Lässt man sich Zeit, führt das am schnellsten zum Ziel!

Junges Pferd wenige Wochen unter dem Reiter

 

„Kein Pädagoge käme auf die Idee, einem Jugendlichen zuzumuten, die Grundschule zu überspringen, um so vom Kindergarten direkt in die Ausbildung der Oberschule überzuleiten. Bei der Ausbildung junger Pferde wird man heutzutage leider immer häufiger mit solchem Unverstand konfrontiert, der dann womöglich noch mit der unverantwortlichen These einiger ausgefallener EXPERTEN begründet wird, es sei verlorene Zeit, das junge Pferd erst einmal in Dehnungshaltung in die Tiefe zu reiten, wenn die späteren Dressurziele doch ohnehin eindeutig die Aufrichtung und ein möglichst hoher Versammlungsgrad wären, …..“

Hans Freiherr von Stackelberg,
„Reiten, Ausbilden, Richten“, 1983

 

Man könnte glauben, der heute über 90ig-jährige Freiherr von Stackelberg wäre gestern in einem der vielen Reitbetriebe gewesen, die sich auf die Ausbildung junger Pferde spezialisiert hat. Wenn man sich diese Ausbildung anschaut, muss man sich wundern, wie viel von jungen Pferden schon erwartet wird.

Ist es Ehrgeiz, Ungeduld, Geltungsbedürfnis oder der Wunsch, baldmöglichst zu sichtbaren Erfolgen zu gelangen, der immer mehr Reiter und Ausbilder dazu verleitet, immer früher immer mehr zu verlangen?
Oder ist es am Ende die Zucht, die mit den heute so sensiblen und immer leistungsbereit erscheinenden Pferden diesen Weg zu reiterlichem Unsinn ebnet?

Oder ist der Markt, der immer gigantischere Summen für Ausnahmepferde zur Verfügung hat, die à la Totilas die Vorderbeine in den Himmel reißen, während – offensichtlich unwichtig – die Hinterbeine nicht mehr aus dem Sand kommen?

Hofft jeder auf einen Millionenumsatz oder auf schallenden Applaus für seine ausbildungstechnischen Fähigkeiten?

Man weiß es nicht!

Aber was aus den vielen jungen Pferden wird, die durch die Überforderung verritten, dadurch undurchlässig oder völlig verspannt und nicht selten bösartig werden …  abschließend von einer Hand zur nächsten wandern, da ihre meist überforderten Reiter nicht mehr Herr der Lage sind!

Darüber denken in diesem Geschäft immer noch zu wenige nach!

 


Ein heute gängiges Bild eines offensichtlich überforderten jungen Pferdes. Bundeschampionat Warendorf

 

Der heutzutage fast überall vorherrschende Erfolgszwang ist sicherlich ein Grund, dass diese falschen Wege eingeschlagen wurden und immer noch werden.

Wie oft hört man Kaufinteressierte am Telefon für einen Dreijährigen fragen, wie denn die Veranlagung für Pi (Piaffe) und Pa (Passage) aussieht, bevor sie sich ins Auto schwingen und das junge Pferde stundenlang Probereiten.

Ein junges Pferd – das realistisch betrachtet – noch nicht einmal geradeaus laufen kann, im Wachstum ist, noch deutlich überbaut, vielleicht wachstumsbedingte (Knochen-)Schmerzen hat, Zahnschmerzen durch den in dem Alter anstehenden Zahnwechsel und noch überhaupt nicht ausreichend bemuskelt ist, um einen Reiter über einen längeren Zeitraum zu tragen.

Sicherlich wäre es für viele junge Pferde besser, wenn man sie erst mit vier oder vielleicht sogar fünf Jahren einreiten würde. Das würde die Anzahl der frühzeitig verschlissenen Pferde sicherlich drastisch reduzieren. Nur … das will wohl irgendwie keiner! Denn das kostet Geld.

Ein Pferd mit vier oder besser noch mit fünf Jahren hat nicht nur die körperliche Reife, sondern auch die geistigen Fähigkeiten, reiterliche Anforderungen auch mental zu verarbeiten, ohne dadurch psychisch frühzeitig überfordert zu werden. Aber auch bei einem vier- oder fünfjährigen Pferd sollte oder besser noch muss man sich Zeit lassen, wenn es bis in ein hohes Alter gesund bleiben soll.

Fehler, die in der Ausbildung junger Pferde gemacht werden, sei es aus Unverstand oder Ungeduld, die hängen dem Pferd über viele Jahre, vielleicht sogar ein Leben lang nach. Das Erinnerungsvermögen eines Pferdes ist sehr stark ausgeprägt und registriert richtiges und falsches Verhalten nachhaltig. Vertrauen ist die Grundlage der Zusammenarbeit mit dem Pferd und diese basiert in allererster Linie auf Geduld und fairem Umgang. Fair heißt in dem Zusammenhang auch: Nur das einfordern, was das Pferd leisten und mental verarbeiten kann. Körperlich und mental.

Das Pferd ist auf der einen Seite ein Fluchttier und nicht nur furchtsam, sondern auch sehr sensibel. Es ist schnell verängstigt bei Dingen, die es überfordert. Auf der anderen Seite ist es von Natur aus sehr geduldig und immer bereit, alles zu tun, was im Rahmen seiner Fähigkeiten möglich ist und was wir von ihm verlangen.
Genau diese Gutmütigkeit auf der einen und die Furchtsamkeit auf der anderen Seite sind die Hauptursachen für die vielen Misserfolge, die Ausbilder erleiden, wenn sie zu früh und zu viel von jungen Pferden verlangen. Ein Pferd braucht Zeit, sich an neues zu gewöhnen, neues zu lernen und noch mehr Zeit mit dem eigenen Körper und seiner ständigen Veränderung des Wachstums überhaupt erst einmal zurecht zu kommen.

 

Eigentlich sollte es nicht um „Spektakulär“ gehen…

„ …. so bringt das unverdorbene junge Pferd seine Gänge vielleicht nicht ergiebig, auch nicht besonders schwunghaft, aber doch sauber im Rhythmus von der Natur mit, und erst die Einwirkung der Zügel, die Entwicklung von Tritten vor der Festigung der Selbsthaltung ergeben diese unglücklichen Tiere, denen man sogar die natürlichen Bewegungen ab-dressiert hat.“

„Ergiebigkeit des Trittes ist gut, solange es kein schwebendes Geschaukel wird, und die Trittgeschwindigkeit ist auch gut, solange es kein unruhiges Getrappel wird.“

  1. Freyer, Polizei Major.
    Aus „Neues Reiten“ von 1929

… und doch werden junge Pferd anhand ihres spektakulären Trabes und ihres immensen Sprungvermögens gemessen. Dinge, die sie in diesem Alter noch gar nicht tun sollten. Wenn sich mit den Wegen des Anreitens zu Zeiten der H.Dv.12/1937 befasst, dann werden einem die eklatanten Unterschiede deutlich bewusst.

Allein beim Anreiten ließ man sich 3-4 Wochen Zeit, bis das Pferd das erste Mal unter dem Reiter galoppieren musste und selbst dann wartete man, bis es das von selbst anbot.

Kaum einer macht sich darüber Gedanken, wie schwer einem jungen Pferd „die enge Wendung“ eines 20-Meter-Zirkels fällt. Vor allem dann, wenn es mit dem heute so üblichen aufwendigen Bewegungsablauf ausgestattet ist.

Noch vor nicht ganz 100 Jahren wurden die ersten zwei Jahre „mit zwanglosem bergauf und bergabreiten im natürlichen Tempo“, mit großen gebogenen Linie und Übergängen verbracht. Mit Zügel aus der Hand kauen lassen bis zur Schnalle, mit dem Annehmen und dem Abstoßen vom Gebiss und mit dem halten aus dem Schritt, einfachen Übungen und Lektionen zur Verbesserung der Rippengeschmeidigkeit verbracht. Und heute: Wird schon mal an den fliegenden Wechseln, an der Verbesserung des Außengalopps bei 4-jährigen Pferde und den ersten Traversalen geübt.

Ist das wohl alles richtig?
Mit den überlieferten Grundsätzen der Ausbildung hat das leider nichts zu tun. So entwickeln wir zwar spektakuläre Strampler, aber die bleiben ja bekanntlicherweise alle nicht allzu lange gesund.

 

 

Wenn man sich verdreht…

Alles schief?!

Korrekt auf die gebogene Linie eingestelltes Pferd. Sitz und Einwirkung der Reiterin sind richtig. Die Nase des Pferdes ist bei ausreichend vorgelassenem Hals an der Senkrechten.

 

 

 

Ein Satz, den mir mein alter Reitlehrer schon in meiner Kindheit beibrachte heißt: „Die Schultern des Reiters parallel zu den Schultern des Pferdes und die Hüften des Reiters parallel zu den Hüften des Pferdes.“

 

In den letzten Tagen habe ich mit einer guten Freundin Sitzübungen an der Longe gemacht. Der Grund: Sie hatte festgestellt, dass ihr Pferd an der langen Seite immer wieder nach innen drängt. Auch beim Durchreiten der Ecken machte sich das Pferd schief und versuchte auszuweichen. Sie versuchte das Pferd wieder nach außen in Richtung Hufschlag zu reiten, aber es wollte nicht gelingen. Im Gegenteil, das Pferd drängte immer weiter in die Mitte der Bahn…..

 

Wie kann es passieren, dass das Pferd an der langen Seite nach Innen in die Bahn drängt, Ecken nicht mit korrekter Stellung und Biegung durchritten werden können und Zirkel und Volten alles andere als rund werden, egal wie sehr man sich bemüht?

Nicht selten liegt es am Verdrehen im Oberköper. Schaut man die Richtlinien Reiten und Fahren hinein, wird da vom Einknicken in der Hüfte, von verdrehtem Oberkörper zwar gesprochen, welche Auswirkungen es allerdings auf den gesamten Sitz und die reiterliche Einwirkung hat, wird einem erst richtig bewusst, wenn es geradeaus nicht mehr geradeaus geht und Zirkel und Volten eher Eier als „Kreise“ sind, da das Pferd in alle Richtungen ausweicht oder schon lange vor Erreichen des Hufschlages in Richtung Bande drängt, sich dabei verwirft, sich heraushebt oder kaum mehr auf die Hilfen des Reiters reagiert.

Man muss es einfach einmal ausprobieren und wird überrascht sein, wie schnell das Pferd aus dem Gleichgewicht kommt, wenn der Reiter beim Reiten auf dem Zirkel oder auch auf der Geraden nur die innere Schulter nach vorne schiebt und sich dabei leicht nach Außen verdreht. Oft fällt es einem selbst nicht auf. Vor allem dann nicht, wenn man dabei nach vorne schaut. Allein durch das Verdrehen des Oberköpers beispielsweise nach Außen verändert sich das Zügelmaß. Die innere Hand geht zu weit nach vorne, die Anlehnung ist nicht mehr konstant und die äußere zu weit nach hinten. Das Pferd ist so nach außen gestellt. Die Hände stehen nicht selten unterschiedlich hoch. Halbe Paraden oder auch ein gefühlvolles Nachgeben mit der Bahn-inneren Hand sind nicht mehr möglich. Schulterpartie, Ellbogen und Handgelenke sind verspannt. Durch den verdrehten Oberkörper wirkt die äußere Hand rückwärts und das Pferd ist im Heben und Vorführen von äußere Hüfte und Schulter behindert, weicht dadurch dann zwangsläufig über die innere Schulter nach Innen aus. Auch die Lage der Schenkel verändert sich automatisch, die Beckenstellung des Reiters ebenfalls. Viele Reiter schieben dann unbewusst den Bahn-inneren Schenkel sehr weit zurück und der zur Bande hin liegt manchmal schon fast vor dem Gurt an der Schulter des Pferdes.

Andere wiederum verdrehen sich im Oberkörper und dabei wird die Hüfte zu weit nach hinten oder nach vorne geschoben. Das Becken kippt und der Schenkel schiebt sich in die falsche Richtung, die Fußspitze wird nach außen gedreht und das Knie liegt nicht mehr am Sattelblatt. Auch das zwingt das Pferd zum Ausweichen.
Oft macht man in dieser Situation dann genau das falsche: Man verkürzt den äußeren Zügel noch weiter und verdreht sich noch mehr im Oberkörper, um das Pferd zum Hufschlag zurückzureiten. Ergebnis: Das Pferd schiebt noch weiter schief in die Bahn.

Wenn solche Sitzfehler einmal verinnerlicht sind, ist es gar nicht so einfach, sie abzustellen.
Das Problem ist nicht selten, dass einem selbst das Verdrehen des Oberkörpers überhaupt nicht bewusst ist und man sicher ist, man sitzt gerade im Schwerpunkt. Sich dann zu zwingen, die innere Schulter unabhängig von der innere Hand beispielsweise wieder nach hinten zu führen, so dass auch in der Wendung die Schultern von Reiter und Pferd parallel sind, ist gar nicht so einfach, denn der verdrehte Sitz ist normal. Man hat anfangs sogar das Gefühl, dass diese Korrektur eher das Gegenteil bewirkt. Wenn man dann im Schwerpunkt und gerade sitzt, kommt es einem richtig „schief“ vor.

 

Das kann helfen!

Um das für sich selbst zu überprüfen oder an der Longe zu üben hilft es, eine Gerte mit beiden Händen zu fassen und diese in Höhe der Schulterpartie des Pferdes zu führen und den Wendungen entsprechend anzupassen. Dann kommt die Schulter des Reiters automatisch an den richtigen Platz. In dem Fall, die innere Schulter wieder nach hinten. Wichtig ist, darauf zu achten, dass man sich durch die Konzentration auf die Gerte nicht in der Schulterpartie verspannt.

Neben Sitzübungen an der Longe, mit denen sich sehr gut eigene Verspannungen und fehlerhafte Haltung korrigieren lassen, hilft auch eine konsequente Sitzkorrektur durch einen guten Ausbilder.

Wenn man seinen Sitz bei täglichen Reiten selbst immer wieder überprüfen möchte, kann man folgende Lektionen reiten:

Die kleine Acht im Schritt geritten ist dabei eine sehr gute Lektion. Wenn man sie im Mittelschritt am langen Zügel reitet, sollte der Zügel bei vorgelassenem Hals so lang sein, dass sich das Pferd vorwärts-abwärts an die Hand herandehnen kann. Wenn man dann in den aufeinander folgenden Wendungen – auf den korrekten Sitz achtend –mehrere Achten hintereinander reitet, wird man nach einiger Übung zwei gleich große und gleich runde Bögen reiten könne. Dabei sollte man unbedingt darauf achten, den inneren Bügel vermehrt auszutreten. Die Schultern sollten sich parallel zu den Schultern des Pferdes befinden, die Hände mit lockerem Handgelenk in der richtigen Position gehalten werden, so dass man dadurch Halbe Parade am äußeren Zügel alle zwei bis drei Schritte geben kann, die mit einem gefühlvollen Nachgeben der inneren Hand enden. Mit der Zeit wird das Pferd in der Rippenpartie geschmeidiger und wird sich in korrekter Stellung und Biegung auf den gebogenen Linien bewegen.

Wird die Acht auch nach regelmäßigem Übung nicht rund, weicht das Pferd immer wieder über Schulter nach außen oder auch mit der Hinterhand traversartig nach Innen aus oder wendet einfach überhaupt nicht ab, weiß man, dass man sich irgendwo und irgendwie verdreht.

Eine weitere sehr gut geeignete Lektion ist es, mehrere Volten hintereinander an der gleichen Stelle anzusetzen und Volten in den Ecken zu reiten. Zu Beginn sollte man die Volten mit einer Größe von 10 Meter reiten. Erst im Schritt und wenn diese gleichmäßig rund sind auch im Trab. Bei verbesserte Rippengeschmeidigkeit kann man sie mit der Zeit auf acht Meter verkleinern. Wichtig ist darauf zu achten, dass das Pferd weder über die Schulter auszuweichen versucht noch den Zirkel mit der Hinterhand traversartig durchschreitet.

Die Volte in der Ecke hat dabei noch eine Besonderheit: Pferde, die noch nicht gerade gerichtet sind oder auch wenn der Reiter sich im Oberkörper verdreht, drängen – vor allem wenn die Hilfen nicht korrekt zusammenwirken – gerade dabei gerne in Richtung Bande weg oder kommen schon bei der Einleitung der Volte traversartig aus der Ecke. Stellt sich dieser Fehler ein, hat man da auch einen Hinweis, den Sitz nochmals zu überprüfen.

Hat man einen Helfer zur Verfügung kann man solche Momente auf Video aufnehmen, um anschließend zu überprüfen, woran es hängt. Das schult das eigene Auge und man bekommt ein Gefühl dafür, wann sich der Fehler eingestellt hat.

Bei engeren Wendungen wie Volten oder die Acht kann es bei Pferden mit Rückenproblemen vorkommen, dass sie versuchen auszuweichen wie oben beschrieben. Dann kann es notwendig sein, einen Tierarzt oder Osteotherapeuten zu konsultieren.

Beim Reiten und Ausbilden eines Pferdes kommen fast immer mehrere Faktoren zusammen, wenn es irgendwo hängt.

Wohin man schaut – Ausbildungsspezialisten

Wohin man schaut, es gibt nur noch Profis und Spezialisten – in allen Bereichen. Nicht selten stehe ich dann am Platz oder an der Hallenbande und denke so bei mir: „Aha…! Mal wieder ein ganz neuer (abenteuerlicher) Ansatz“. Und wupp, ist die Brille runter und bei 6 Dioptrien dann alles wieder mega….

Interessanterweise gibt es für die kuriosesten Ideen gerade im Pferdesport Abnehmer. Früher sagte man: Es steht jeden Tag ein Dummer auf, der das kauft. Das bestätigt sich mittlerweile täglich Hundertausendfach….
Oft frage ich mich, ob man nicht nachdenkt, die Zusammenhänge nicht begreift oder ob man da mitmacht, weil alle mitmachen … oder ob das Richtige zu schwierig ist. Reiten heute eher etwas für Wenig-Denker?

Felix Bürkner hat einmal gesagt: Ein Leben reicht nicht aus, um Reiten zu lernen. Das ist heute so richtig wie vor mehr als 100 Jahren. Vielleicht ist es heute noch Richtiger und wichtiger sich zu engagieren, das Richtige zu lernen. Wobei: Wer weiss bei der Menge der Angebote eigentlich noch, was richtig ist?

Ein Beispiel:
Nehmen wir ein 5-jähiges Dressurpferd. Gross, schlaksig, fast hypermobil, wenig und falsch bemuskelt, noch immer im Wachstum, nicht ausbalanciert – wie auch. Warum um Himmelswillen muss man so ein Pferd versammeln und aufrichten und das natürlich mit dem heute üblichen viel zu kurzen Zügel? Den fehlerhaften Sitz und das schon leicht rückenlahme Pferd scheinen dabei alle auszublenden/nicht zu sehen?
Der dazu passende Trainer findet es mega!
Das sieht man schon fast täglich auf Facebook und Co.
Denkt der stolze Reiter und/oder Besitzer vielleicht darüber nach, dass der der das für mega befindet, dass vielleicht a) nur tut, damit er weiter Umsatz generieren kann oder b) weil er von Biomechanik und funktioneller Anatomie, der Reitlehre, einem korrekten Sitz noch weniger als NULL Ahnung hat.

Ein anderes Beispiel:
Eine junge Remonde, vielleicht 3-4Monate unter dem Sattel lernt Seitengänge. Der dazu gehörige Trainer findet natürlich auch das mega. Das Pferd dagegen stolpert eigentlich nur durch die Bahn, bemüht sich, sich dabei nicht die Haxen zu brechen.
Die Zuschauer an der Bande sind begeistert vom Ausnahmetalent des Pferdes, der Reiter sieht sich schon im internationalen Kontext.
Denkt irgendeiner darüber nach, dass das für jedes Gelenk, Sehne, Knochen eigentlich eine vorsätzliche Verschrottung ist?

Ein weiteres Beispiel:
Da longiert jemand sein junges Pferd mit Dreieckszügeln und reitet die ersten 12-15 Monate meist nur im Leicvhttraben und übt Zügel aus der Hand kauen lassen, um die Grundgangarten zu verbessern, geht viel ins Gelände, um die Sehnen zu stärken, die Rezeptoren zu unterstützen.
Der gemeine Pöbel findet es öde, weil der kann ja nix und man muss sich anhören, dass das Pferd nur auf der Vorhand latscht. Ach und das Longieren am Dreieckszügel ist Tierquälerei. Befindet sich am Zaumzeug dann noch Nasen- und Sperrriemen, dann ist man der typische FN-Quäler.
Eines muss man ja zugeben: Diese Reit- und Ausbildungweise hält zwar gesund, ist aber nicht spektakulär. Und es ist keiner da, der das mega nennt.

Beispiele dieser Art könnte man zu Tausenden aufzählen. Tierärzte, die darauf hinweisen, dass das eigentlich nicht geht (die ersten beiden Beispiele) und die gesundheitlichen Risiken und Konsequenzen aufzeigen, müssen sich im schlimmsten Fall anhören, dass sie vom Reiten ja keine Ahnung haben.
Das mag oft durchaus so sein, nichts desto trotz haben die das studiert. Viele Semester lang. Der geniale Ausbilder in der Mitte im Allgemeinen nicht und richtig reiten kann er wohl auch nicht, sonst würde er so einen Humbug nicht verzapfen….
Trotzdem hört man lieber auf den Schwätzer in der Mitte als auf den Tierarzt oder den Ostetherpeuten der dann ständig versuchen muss die massiven Verspannungen irgendwie zu lösen, um dem Pferd die Schmerzen einigermassen erträglich zu machen.

Ausbildung ist in den ersten Jahren nie spektakulär. Auch wenn sich manch einer von (Verkaufs)Veranstaltungen wie Bundeschampionat und Co. blenden lässt. Ausbildung hat in den ersten Jahren nur ein Ziel: Das Pferd gesund zu erhalten, indem man Muskeln aufbaut, Sehnen und Bänder stabilisiert, für sorgt, dass Gelenke so arbeiten können, wie sie sollen und unterstützt, dass sich das Pferd im Laufe der Zeit im Gleichgewicht bewegen kann.
Das klappt übrigens wunderbar, indem man den Schub aus der Hinterhand aktiviert und die Rippen geschmeidig macht. Auf der Stelle hoppeln muss man dafür nicht…
Es sei denn, der sich reell entwickelnde Schwung ist für den „Mega“-Reiter nicht mehr zu sitzen. Der sollte dann nicht anfangen rückwärts zu reiten, sondern den eigenen Sitz verbessern.

Das ist dann wirklich echt mega!

 

Klassische Reitkunst – was soll das sein?

Pferdeausbildung heute…

Der Reitsport ist heute nahezu unüberschaubar geworden.
Wenn man sich die vielen Auffassungen und Methoden betrachtet, die nahezu perfekt aufgebauten Darstellungen der vielen selbsternannten Fachleute und Spezialisten mit allen ihren Vorgehensweisen, dann ist es fast unmöglich, den richtigen Weg einzuschlagen – bei dem das Pferd gesund bleiben kann.

Wenn es zu gesundheitlichen Problemen kommt und man erkennt, dass man mit der bisher vertretenen Vorgehensweise nicht mehr weiterkommt, sucht man Hilfe und landet in einem Wirr-Warr von Meinungen, Methoden und teils mehr als kreativen Ideen. Nach eingehender Analyse, dem Kampf durch Chats und Foren ist man meist mehr als ernüchtert: Die Verwirrung und Unsicherheit sind grösser geworden als je zuvor und so wendet man sich schon fast verzweifelt an den, der seine Ideen mit den tiergerechtesten Worten verpackt und hofft inständig, dass der jetzt eingeschlagene Weg bitte bitte der richtige sein mag….

Die Klassische Reitkunst

Was ist eigentlich klassische Reitkunst? Vor allem, wieso klassisch? Fällt unter klassisch ein Francois Baucher, die Legerete, akademische Reitkunst, die Skala der Ausbildung oder die überlieferten Grundsätze der Ausbildung niedergeschrieben in der H.Dv.12/1937?

Geht klassisch in Richtung eines Baucher oder der neuen Interpretation der Legerete, dann ist dieser Weg genauso gescheitert wie zu Zeiten eines Baucher, da weder erste noch die zweite Manier auch nur im Ansatz pferdegerecht waren. Die heutigen Ableger dieser Auffassung und das damit verbundene Reiten und Ausbilden ohne Schub aus der Hinterhand, ohne korrekte Anlehnung, ohne Zügel aus der Hand kauen lassen etc. enden fast immer in einem Pferd, das neben den ständig zunehmenden Rückenproblemen, einer schlecht entwickelten Muskulatur auch noch jede Freude an der eigenen Bewegung verloren hat.

Klassisch heute = frühe Versammlung?

Wenn klassische Reitkunst gleichgesetzt wird mit früher Versammlung, dann ist auch das der falsche Weg, denn dann arbeiten Muskeln irgendwann in Dauerverspannung und das führt bekanntlich zu massiven gesundheitlichen Problemen. Mit dem jungen Pferd frühzeitig mit Versammlung, Seitengängen und „setzender“ Arbeit zu beginnen bedeutet immer eine Fehlbelastung und Überlastung von Gelenken, Bändern und Sehnen, denn dem Pferd fehlt die notwendige Elastizität und die Kraft, die sich bekanntermassen erst über Jahre langsam schaffen lässt.

Klassisch = Seitengänge, Seitengänge, Seitengänge?

Seitengänge sind gut und wichtig, aber sie gehören nicht in die Ausbildung der Remonte. Da führen sie nämlich nur zum Ausweichen und zu Überforderung. Vor allem auch MENTAL! Rippengeschmeidigkeit kann man genauso gut über grosse gebogene Linien, Achten, häufige Handwechsel und Schlangenlinien verbessern. Das ist dann auch pferdegerecht und entspricht dem Ausbildungsstand der jungen Remonte: BASICS schaffen…

Klassisch = ein schleppendes Tempo ohne Schub aus der Hinterhand?

Schaut man sich die Pferde an, die heute nach der Methode der „klassischen Reitkunst“ geritten werden, hat das mit den überlieferten Grundsätzen der Ausbildung nichts zu tun. Diese sind in der H.Dv.12/1937 niedergeschrieben und sind in meinen Augen die wirkliche klassische Reitkunst.
Aufgebaut auf den Grundlagen der funktionellen Anatomie findet hier Schwungentwicklung auf dem richtigen Weg statt. Aus den Verstärkungen oder wie man es früher nannte aus den „freien Gängen“. „Fleissiges Vorwärtsreiten bei angenommenem Gebiss und hergegebenem Rücken bei an die Senkrechte vorgelassener Nase“ – so Herr Stecken – ermöglichen es, dass alle Muskeln richtig arbeiten, ausreichend mit Sauerstoff und damit mit Nährstoffen versorgt werden. Schleppende Gänge mit durch den Sand gezogenen Hinterbeinen machen irgendwann jedes Pferd krank.

 

Mit könnte die Aufzählungen noch über viele Seiten weiterführen und auch die in diesem Bereich vielfach gepriesene Piaffe im Detail betrachten. Auch da käme man dann zu er Erkenntnis, dass das Leben eines Pferdes a) nicht an der Piaffe hängt und b) die wenigsten diese heute wirklich noch richtig reiten können, aber gerne viel darüber reden.

Vielleicht sollten wir heute mit weniger Superlativen und wohlklingenden Worten arbeiten und uns nicht mit neuen Methoden und Auffassungen schmücken. Diese braucht der Reitsport nicht und das Pferd braucht sie noch viel weniger. Warum halten wir es nicht wie Horst NiemacK? Der würde nämlich jetzt sagen: „Es gibt in der Reiterei nichts Neues zu erfinden, nur Bewährtes zu bewahren“.